Samstag, 29. Mai 2021

Rezension ~ Wo Frauen nichts wert sind - Maria von Welser

Titel: Wo Frauen nichts wert sind
Autorin: Maria von Welser
Seiten: 320 Seiten
Verlag: Ludwig
Genre: Sachbuch, Frauen




Inhalt: 
In vielen Teilen dieser Erde ist die Situation für Frauen und Mädchen nicht leicht. Kein Recht auf Bildung, unzureichende medizinische Versorgung, Zwangsverheiratung und Prostitution sind nur einige Schlagworte, die einem dazu in den Sinn kommen können. Die Journalistin Maria von Welser ist nach Afghanistan, Indien und in den Ostkongo gereist, um mit Frauen und Mädchen zu sprechen und die Situation direkt vor Ort zu betrachten. Aber sie erzählt nicht nur von ihren Erlebnissen, sondern lässt auch die Frauen zu Wort kommen und berichtet darüber, wie die Frauen und ihre Unterstützer versuchen, ihre Situation zu verbessern. 
 
Meine Meinung: 
Ich kann mich leider nicht mehr daran erinnern, wie ich auf das Buch aufmerksam geworden bin, aber es war ein echter Glücksgriff. So hart das Buch manchmal zu ertragen ist, so wichtig und informativ ist es auch.

Nach einem kurzen Vorwort entlässt uns die Autorin direkt in die große weite Welt. Zunächst geht es nach Afghanistan, dann nach Indien, dann in den Ostkongo. Anschließend folgt ein Kapitel über die weibliche Genitalverstümmelung (FGM/C) und eines über die Massenvergewaltigungen während des Balkankriegs. Abschließend folgen erneut ein paar Gedanken der Autorin.

Die Kapitel sind insgesamt sehr lang, da jeder Themenbereich im Grunde nur aus einem einzigen Kapitel besteht. Allerdings sind diese in Abschnitte unterteilt, die oft nur zwei bis drei Seiten lang sind. So hat sich bei mir ein schneller Lesefluss entwickelt, obwohl die beschriebenen Momente bisweilen nur schwer zu ertragen waren. Auch gibt es in jedem Kapitel Zitate von betroffenen Frauen und ein paar Fakten zu dem jeweiligen Land.

Afghanistan: 
Ich habe bereits mehrere Bücher über Afghanistan gelesen, wenngleich auch nur eine Biografie einer afghanischen Frau darunter war. Afghanistan war also das Land, zu dem ich bereits im Vorfeld die meisten Problemfelder hätte benennen können.

An diesem Kapitel hat mir besonders gefallen, dass es auf vielfältigen Themen eingeht. So geht es um die mangelnden Bildungsmöglichkeiten für Frauen, um die Verheiratung minderjähriger Mädchen, um die Scharia und so weiter. Die Situation der Frauen und Mädchen in Afghanistan wird von ganz unterschiedlichen Seiten beleuchtet und es wird deutlich, dass an vielen Aspekten gearbeitet werden muss, um eine Verbesserung herbeizuführen.

Auch wenn der Weg noch lang ist, macht die Autorin Hoffnung. Sie berichtet von Frauen, die zur Wahlurne gehen, von Politikerinnen und anderen mutigen Frauen.

Problematisch fand ich – nicht nur an diesem Kapitel – das Frauen insbesondere dann, wenn sie sich ihrem Schicksal entgegenstellen und sich wehren, auf Äußerlichkeiten reduziert werden. Da ist beispielsweise eine Frau, die einen Radiosender gegründet hat und sich als Mitglied im Provinzrat der Stadt politisch engagiert. Zu ihr fallen mir sehr viele starke Adjektive ein, aber das erste was die Autorin zu ihr zu bemerken hat ist, dass sie „bildhübsch“ ist. Auch an anderer Stelle fand ich die Wortwahl der Autorin nicht angemessen: 

„Die „Gärtnerin“ heißt Usha – eine Businessfrau mit einem unaussprechlichen, absolut nicht schreibbaren Nachnamen“ (S. 198)

Wenn die Autorin den Nachnamen nicht aussprechen kann, ist das eine Sache. Aber sie spricht ja nicht das Hörbuch ein, sondern verschriftlicht ihre Begegnung mit der Frau. Sie wird ja wohl in der Lage sein, den Nachnamen abzutippen oder sich buchstabieren zu lassen.

Indien: 
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich hätte eher nicht vermutet, dass Indien zu den Ländern gehört, in denen die Situation für Frauen und Mädchen weltweit am schlimmsten ist. Ich habe vom Kastensystem und von den zunehmenden Vergewaltigungen gehört, aber darüber hinaus, waren mir keine Problemfelder bekannt.

Leider hat sich das nach diesem Kapitel auch nur geringfügig geändert. Es werden ein paar Problemfelder angesprochen, aber einen wesentlichen Teil des Kapitels machen die (Massen-) Vergewaltigungen aus. Vergewaltigungen sind immer schlimm und was man über dieses Thema in Bezug auf Indien lesen muss ist so furchtbar, dass man eigentlich gar nicht darüber nachdenken will. Aber wenn ein Land zu den weltweit gefährlichsten für die weibliche Bevölkerung zählt, dann muss das doch auf mehr als einen Aspekt begründet sein.

So habe ich dieses Kapitel zwar auch als informativ, aber eben auch sehr einseitig und wiederholend empfunden.

Kongo: 
Ich glaube, dieses Kapitel war für mich das am schlimmsten zu lesende. Auch hier spielt das Thema Vergewaltigung eine große Rolle und die Beschreibungen sind so grausam, dass ich das Buch ein paar Mal zur Seite legen musste. Es ist unvorstellbar, was diese Frauen erleiden mussten. Welche körperlichen und seelischen Schäden sie erlitten haben.

Wie bereits erwähnt, erhält man viele Informationen über die jeweiligen Länder, sodass man verstehen kann, warum die Situation ist wie sie ist. Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass diese Informationen besser in den Text eingebettet worden wären. So erfährt man beispielsweise etwas über die Geschichte des Kongo und dann folgt: 

„Das alles geht mir durch den Kopf, während ich auf meinen Koffer warte.“ (S. 209) 

Jetzt ist so ein 5-Sterne-all-inclusive-Pauschalurlaub nicht mit der Reise zu vergleichen, die die Autorin unternommen hat, aber auch sie betet am Gepäckband sicher nicht die Geschichte des Kongos gedanklich herunter. Überhaupt gehen ihr sehr viele Dinge durch den Kopf und häufig wird auch darauf verwiesen, dass sie für das Magazin Mona Lisa im ZDF bereits früher die Länder bereist hat. Gerade von einer Journalistin hätte ich mir weniger Wiederholungen insgesamt, aber vor allem auch Wiederholungen von ganzen Phrasen gewünscht.

Genitalverstümmelung (FGM/C – female genital mutilation / cutting): 
Dieses Thema wird länderübergreifend behandelt. Nicht zuletzt durch Waris Dirie denke ich zunächst an Somalia, wenn ich den Begriff FGM/C höre. Das Problem scheint eher ein zentralafrikanisches zu sein, vielleicht denkt man auch noch an einige Länder Nordafrikas. Mir war gar nicht bewusst, dass es auch in Asien einige Länder gibt, in denen die weibliche Genitalverstümmelung sehr verbreitet ist.

Überhaupt war dieses Kapitel für mich das vielleicht informativste, aber auch schmerzhafteste von allen, obwohl ich durch andere Bücher und Themenreihen auf Social Media bereits einiges davon gehört habe. Es werden die unterschiedlichen Arten der FGM/C erläutert, wie Frauen, Männer, der Islam und Europa zu diesem Thema stehen und welche Folgen die Verstümmelung für die Frauen und Mädchen hat.

Ein bisschen… seltsam fand ich den Abschnitt, in dem beschrieben wird, wie man weibliche Genitalverstümmelung verhindern kann. So soll es – angeblich – erfolgreich sein, traditionellen Beschneiderinnen alternative Berufsmöglichkeiten zu bieten. Natürlich verdienen diese Frauen ihren Lebensunterhalt damit. Aber es ist doch vor allem auch ein kulturelles und kein wirtschaftliches Problem, dass bereits kleine Mädchen diesen Grausamkeiten ausgesetzt werden.

Bosnien: 
In diesem Kapitel geht es um den Balkankrieg, der für viele Frauen mit Vergewaltigungen und sexueller Gewalt einhergeht. Es kommen hier ebenfalls Frauen zu Wort und berichten von ihren schrecklichen Erlebnissen. Aber es wird auch ein wissenschaftlicher Blick auf das Thema geworfen. Beispielsweise fand ich es sehr aufschlussreich, dass sowohl Täter als auch Opfer eine Vergewaltigung eher als Gewaltakt wahrnehmen, denn als sexuelle Handlung. 
 
Fazit: 
Trotz kleinerer Schwächen in der Ausdrucksweise, hat mir das Buch sehr gefallen. Nicht nur, dass es schnell und angenehm zu lesen war, es war darüber hinaus – und das ist am wichtigsten – informativ und aufrüttelnd. Wer sich für das Thema interessiert, sollte unbedingt einen Blick in das Buch werfen.

Informatives Sammelsurium:

  • Meine Rezension ist Teil der Linkparty von monerl



 

6 Kommentare:

  1. Vielen Dank für die Vorstellung bzw. Rezension dieses Buches. Ich habe davon noch nicht gehört und fand es sehr interessant, deine Ausführungen zu den jeweiligen Ländern / Themen / Frauen zu lesen. Auch wenn es nach schwerer Kost klingt, ist es ein wichtiges Buch.

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    1. Danke dir :)

      Es ist auf jeden Fall kein einfaches Thema und man muss damit umgehen können. Aber es war so gut geschrieben, dass ich insgesamt sehr gut klargekommen bin.

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  2. Liebe Julia

    Mir ist das Buch auch noch nie begegnet und nun hast du mich gleich neugierig gemacht. Das klingt wirklich beeindruckend. Danke für die Vorstellung, ich werde es mir gleich einmal näher ansehen.

    Alles Liebe
    Livia

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    1. Das Buch ist wirklich eine Empfehlung.
      Ich bin gespannt, was du dazu sagst, solltest du es mal lesen :)

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  3. Hey Julia,

    ich kann mich Sarah und Livia nur anschließen: Es scheint ein sehr wichtiges Buch zu sein. Normalerweise habe ich kein Problem mit harter Kost, aber aktuell wäre es wohl etwas zu viel für mich. Trotzdem freue ich mich, dass Du das Buch vorgestellt hast!

    Liebe Grüße Melli

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    1. Hallo Melli,

      es sind auf jeden Fall ein paar schlimme Dinge dabei. Zum Glück sind die Kapitel so kurz, dass es relativ schnell vorbei ist. Für Leser:innen, für die betroffenen Frauen natürlich nicht. Aber ich gebe dir Recht, für das Buch muss man auf jeden Fall bereit sein.

      Liebe Grüße
      Julia

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