Samstag, 13. April 2019

Museumsausstellung ~ Anja Niedringhaus - Bilderkriegerin

"Wir glauben im Westen immer noch, dass man Frieden mit Militär und Waffen herstellen kann. Aber damit erreicht man nichts."
(Anja Niedringhaus, 11.03.2014 im Interview mit der SZ)

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich meinen Beitrag mit diesem Zitat einleiten möchte, oder ob ich ein anderes Zitat von Anja Niedringhaus wähle, welches mich sehr berührt hat. Das gewählte Zitat ist für die Einleitung dieses Posts vielleicht besser geeignet, denn Anja Niedringhaus war Kriegsfotografin. Sie lehnte diesen Begriff jedoch ab¹ und sowieso ist der Titel der Ausstellung von der ich euch erzählen möchte, viel treffender. Der Titel ist: "Bilderkriegerin". Nachdem ich die Ausstellung in Köln besucht habe, finde ich es passend Anja Niedringhaus als Bilderkriegerin zu bezeichnen. 

Am Freitag (dem 05. April und damit nur einen Tag nach dem fünften Todestag von Anja Niedringhaus) war ich unterwegs zu einem Einstellungstest. Morgens schlug mir meine Mutter vor, dass ich mir ja die Ausstellung ansehen könne, da ich früh in Köln sein würde und der Test erst am Samstag stattfinden würde. Spontane Aktionen sind eher nicht mein Ding, aber ich habe die Ausstellung gegoogelt und mich ohne viel darüber zu informieren dazu entschlossen, die Ausstellung im Kölner Käthe Kollwitz Museum zu besuchen. 
Ich hatte keine Ahnung, auf was ich mich da eingelassen habe.

Die Ausstellung zeigt einige Fotos von Anja Niedringhaus, zum Beispiel aus Afghanistan, dem Irak oder dem Balkankrieg. Sie zeigt viel schlimmes, aber auch viel schönes. 

"Doch die interessanten Geschichten passieren oft nicht im Feuergefecht. Ich bin viel mehr am Leben der Leute vor Ort interessiert als an der Ballerei. Ich sitze sicher nicht hier und warte auf den nächsten Anschlag." (Anja Niedringhaus, 11.03.2014 im Interview mit der SZ)

Da gibt es zum Beispiel die Kinder in Afghanistan, die sich aus zwei krummen Stöcken und einem Stückchen Stoff einen Drachen gebastelt haben. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, ich es für eine Szene aus Khaled Hosseinis Drachenläufer gehalten. Da ist auch eine Mutter, mit ihrem Neugeborenen auf dem Arm oder der Vater, der mit seinen fünf Kindern auf dem Motorroller einen Ausflug macht. 

Aber da ist auch die andere Seite. Die schreckliche Seite. Die Seite, die mich getroffen, mich bewegt hat. Da sieht man eine Frau, die sich während eines Waffengefechts hinter ein Auto kauert. Die Hände liegen schützend um ihren Kopf, das Gesicht ist voller Angst. Da ist das kleine Mädchen, das tot auf dem Boden liegt. Umringt von der Familie. Wenige Augenblicke zuvor sah Anja Niedringhaus das Mädchen noch beim Spielen, wie der Begleittext verrät. Da ist auch der Junge, der auf einem Kettenkarussel fährt, mit einem Maschinengewehr in der Hand².
Diese Bilder tun weh, weil sie einem vor Augen führen, wie viel Leid und Angst Menschen in anderen Teilen der Welt erleiden müssen. Und weil man inne hält und dankbar ist, dass man selbst in einer Demokratie aufwächst. Ein Besucher sagte zu seiner Begleitung, dass die Bilder vielleicht auch deshalb so eindrucksvoll seien, weil man sie viermal so groß sieht, wie in der Zeitung. Und das stimmt. In der Zeitung fällt es leichter wegzusehen, einfach umzublättern und mit dem Sport weiterzumachen. 

Das Bild, welches mir am meisten zugesetzt hat, finde ich leider nicht im Internet, daher versuche ich es euch zu beschreiben. Man sieht ein Militärflugzeug (von hinten). Die Rampe ist heruntergelassen, sodass man ins Innere des Flugzeugs schauen kann. Darin ein Sarg, um den im Halbkreis Männer in Uniformen stehen. Dazu folgender Text: "Letztes Geleit und Abschied am Sarg des gefallenen kanadischen Soldaten Sargeant Martin Goudreault am Flughafen Kandahar. In einem vergleichbaren Militärtransportflugzeug der Bundeswehr wurde vier Jahre später der Leichnam von Anja Niedringhaus nach Deutschland zurückgebracht."
Dieses Bild an sich war so furchtbar, hat mich so traurig und betroffen gemacht. Ich habe versucht nachvollziehen wie es sich anfühlen muss, in diesem Halbkreis zu stehen. Vor dem Sarg eines Kameraden. Und noch während ich versuche mich zu fasse, lese ich den Text und es ist wie ein Schlag. Später wird Anja Niedringhaus, die all diese Bilder macht, um zu zeigen wie schrecklich Krieg ist, selbst in so einem Flugzeug liegen. 

Am 04. April 2014 wurde Anja Niedringhaus in Afghanistan erschossen. Eine Kollegin, die sich mit ihr im Auto befand, wurde schwer verletzt. Ein Schaukasten zeigt diverse Zeitungsberichte (auch aus dem Ausland) über ihren Tod. Außerdem enthält der Kasten eine Kamera, die Anja Niedringhaus bei dem Anschlag bei sich trug. Das Einschussloch ist gut zu erkennen. 

Aber Anja Niedringhaus war nicht nur in Krisengebieten unterwegs. Sie machte auch Porträts von wichtigen Persönlichkeiten wie Papst Johannes Paul II und war eine hervorragende Sportfotografin. Auch einige dieser Fotos zeigt die Ausstellung. Anfangs war ich etwas irritiert, weil man nach diesen vielen schrecklichen Bildern zum Beispiel mit einem strahlenden Usain Bolt konfrontiert wird. Aber dann habe ich festgestellt, dass es gut war, diese Bilder am Ende der Ausstellung zu präsentieren. So wird man ein wenig aus dem Albtraum geholt. Mir jedenfalls haben diese Bilder geholfen zwar nachdenklich und berührt, aber nicht mehr so traurig aus der Austellung zu gehen. 

Über Afghanistan:
"Ich erlebe Wesenszüge, die bei uns fast nicht mehr existieren - Dinge zu teilen etwa, oder grenzenlose Offenheit. Wie oft habe ich schon bei Familien geschlafen, die mir einfach Schutz auf dem Boden angeboten haben! Die kennen mich doch gar nicht."
(Anja Niedringhaus, 11.03.2014 im Interview mit der SZ)

Informationen über die Ausstellung:
Was? Anja Niedringhaus - Bilderkriegerin
Wo? Käthe Kollwitz Museum Köln, Neumarkt 18-24 (Neumarkt Passage)
Wann? 29.03. - 30.06.2019
Wieviel? 5€ (2€ ermäßigt) 

Zur Ausstellung ist der Bildband "Anja Niedringhaus. Bilderkriegerin" im Wienand Verlag erschienen.

Quellen & Weiterführende Links:
(enthält einen kurzen Text sowie eine Bildergalerie)
Süddeutsche Zeitung - 04. April 2014 - Deutsche Kriegsfotografin in Afghanistan erschossen
Homepage von Anja Niedringhaus
(hier findet ihr diverse Bilder, von denen viele in der Ausstellung zu sehen waren)

Kommentare:

  1. Bei dem Namen klingelt etwas bei mir, ich glaub, der Stern hatte damals eine Reportage über sie gemacht.
    Danke, dass du die Eindrücke dieser Ausstellung mit uns teilst. Leider ist Köln zu weit für mich. Einen bewegenden Einblick habe ich durch dich gewinnen können

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    1. Hallo Daniela,

      das kann gut sein. Im Stern und Spiegel (und sicher auch in anderen Zeitschriften) ist sie öfter porträtiert worden.
      Danke für deine lieben Worte.

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