Samstag, 9. September 2017

Rezension ~ Nicht ohne meine Tochter + Das Andere anders sein lassen

Titel: Nicht ohne meine Tochter
Originaltitel: Not Without My Daughter
Autorin: Betty Mahmoody
Seiten: 540 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
Genre: Autobiografie
Leseprobe


Titel: Das Andere anders sein lassen 
Autor: Mostafa Arki 
Seiten: 88 Seiten 
Herausgeber: Internationales Kulturwerk 
Genre: Sachbuch, Kritik




 
Hinweis: Hierbei handelt es sich um eine Besprechung von Betty Mahmoodys Erfahrungsbericht und einer dazu veröffentlichten Kritik. Aus diesem Grund ist der Beitrag auch länger als überlicherweise.

Inhalt:
Betty Mahmoody ist Amerikanerin, geschieden, Mutter zweier Söhne. In einem Krankenhaus lernt sie den Arzt Sayyed Bozorg Mahmoody, genannt Moody, kennen. Sie verlieben sich ineinander, heiraten und bekommen eine Tochter, Mahtob. Im August 1984, als Mahtob vier Jahre alt ist, fliegen die drei in den Iran, Moodys Heimat. Ursprünglich ist ein zweiwöchiger Urlaub geplant, doch Moody hält seine Frau und seine Tochter dort fest. Mehrmals plant Betty Mahmoody eine Flucht, doch scheitert dies aus verschiedenen Gründen immer wieder. Und eine Sache ist besonders wichtig: Sie verlässt den Iran nicht ohne ihre Tochter.

Meine Meinung:
Ich habe dieses Buch lange vor mir hergeschoben, obwohl es mich wahnsinnig interessiert hat. Ich hatte einfach Angst, dass es mir zu traurig und dramatisch sein könnte und ich damit nicht umgehen kann.

Letztendlich waren meine Sorgen vollkommen unbegründet, denn ich konnte überhaupt nicht mit Betty Mahmoody mitfühlen. Sie hat schlimmes durchgemacht, das will ich auf keinen Fall verharmlosen. Sie ist eine starke Frau, hat sich von ihrem Mann nicht brechen lassen und schlussendlich alles riskiert, um sich und ihre Tochter zu befreien. Und dennoch ist sie mir als Person ferngeblieben und die ganzen Emotionen die sie zweifellos gefühlt haben muss, kamen nicht wirklich bei mir an.

Bei einer Biografie verständlich zu erklären, warum sie einen nicht wirklich überzeugt hat, ist immer sehr schwierig. Ich möchte schließlich nicht über eine Person urteilen, die ich nicht kenne und deren Leben ich nicht führe. Deshalb versuche ich es auch gar nicht weiter, sondern halte fest, dass ich mit gewissen Erwartungen an das Buch herangegangen bin, zumal es ja auch sehr bekannt ist, welche einfach nicht erfüllt wurden.

Als dieses Buch in Deutschland erschien, gab es – um einen aktuell in der Buchwelt verständlichen Begriff zu verwenden – einen großen Hype darum. Es wurde ein Bestseller, jeder kannte es und dann wurde es auch noch erfolgreich verfilmt. Mostafa Arki, selbst im Iran geboren und dann zuerst als Student, später als Flüchtling nach Deutschland kommend, setzt sich kritisch mit dem Werk Betty Mahmoodys auseinander.
Er wirft ihr vor allem vor sich in keiner Weise auf die Kultur ihres Mannes eingelassen zu haben und somit „einen Todeskuß für bi-kulturelle Partnerschaften“ (S. 69) verfasst zu haben.

An verschiedenen Beispielen (häufig mit Zitaten belegt) macht er deutlich, wie Betty sich weigert die iranische Kultur verstehen zu wollen. Etwa kritisiert er, dass sie in den ersten zwei Wochen keinerlei Versuche unternimmt Teheran kennen zu lernen. Ich verstehe sein Argument und sicher könnte man sich fragen warum Betty die zwei Wochen Urlaub (die es ja anfangs sind) nicht nutzt um sich umzusehen. Aber ist es nicht auf der anderen Seite auch Bettys Recht das nicht zu tun?

Gleichzeitig macht Arki darauf aufmerksam, dass Betty viele Dinge passieren, die sie der iranischen Kultur zuschreibt, die aber tatsächlich individuelle Probleme sind. Beispielsweise die Tatsache, dass Moody seine Frau schlägt, was zwar jeder in der Verwandtschaft weiß, aber niemand ihr hilft. Hier führt der Autor Statistiken an die zeigen, dass auch in den USA oder Deutschland Frauen von ihren Männern misshandelt werden und es keinesfalls ein kulturelles Problem ist.

Zwar gibt es Stellen an denen der Autor das Verhalten von Moody oder anderen Personen offen kritisiert (etwa, wenn es um das Misshandeln von Ehefrauen geht), aber an manchen Stellen zeigte er meiner Ansicht nach dennoch zu wenig Verständnis für Betty. Aber ich stimme ihm dennoch zu, dass auch Betty oft verständnisvoller oder aufgeschlossener hätte sein können. Arki schreibt: „Unverständlich ist mir nur, wie Frau Mahmoody trotz ihrer direkten Betroffenheit so oberflächlich negativ schreiben kann“ (S. 12). Betty Mahmoody wurde gegen ihren Willen 18 Monate im Iran festgehalten. Sie wurde in einer Wohnung eingesperrt, ihre Tochter wurde ihr vom Vater entzogen, sie wurde ständig kontrolliert und überwacht. Ist es da nicht nachvollziehbar, dass ihre Erinnerung an den Iran eher negativ sind?

Das ist auch der Knackpunkt und das Fazit, dass am Ende dieser Kritik gezogen wird. Die Schilderungen von Betty Mahmoody sind höchst subjektiv. Natürlich, es ist ihr ja schließlich passiert. Und deshalb kann ihre Geschichte nicht als Verallgemeinerung, als Zukunftsvision aller bi-nationalen Ehen gelten. Aber so wurde das Buch anscheinend vermarktet, jedenfalls wenn man der Kritik von Arki Glauben schenkt. Ich bin zu jung um das beurteilen zu können, daher kann ich nur betonen, was jedem beim Lesen sowieso klar sein sollte. Ein Erfahrungsbericht ist immer subjektiv, weil es das persönliche Erleben eines Einzelnen beschreibt. Das kann auch das Erlebte von anderen Menschen sein, muss aber nicht.

Mir hat die kritische Anmerkung von Mostafa Arki einen anderen Blickwinkel auf die Geschichte von Betty Mahmoody eröffnet und trotzdem empfinde ich gewisse Punkte anders als er. Aber auch das regt weiter zum Nachdenken an.

Informatives Sammelsurium:

Kommentare:

  1. Hallo Julia,
    wow, was für ein gelungener Beitrag! Ich habe vor Jahren Nicht ohne meine Tochter als Verfilmung angesehen? Ich bin mir nicht mehr sicher. Vielleicht habe ich auch das Buch gelesen. Es ist schon so lang eher. Auf jeden Fall hat mich die Geschichte damals sehr bewegt.

    Eine kritische Meinung zu dem Buch zu lesen stelle ich mir als sehr interessant vor. Allerdings könnte ich mir auch vorstellen, dass es mich stören würde, wenn ich lese, dass der Autor der Gegendarstellung nicht so viel Verständnis für Bettys Lage hat.

    Ich kann mir vorstellen, dass es in einem fremden Land ohne Freunde und Hilfe von Anderen sehr schwer ist sich zurechtzufinden. Zudem wurde Betty dann ja auch noch misshandelt und ihr wurde das Einzige weggenommen, was ihr am Herzen liegt.

    Ich glaube viele hätten die mutigen Schritte von Betty gar nicht gehen können, weil sie durch die Angst gelähmt gewesen wären.

    Es ist vermutlich auch ein Unterschied, ob man im Iran aufgewachsen ist und über Jahre hinweg die Bräuche quasi lebt oder ob man als Deutsche von einem Tag auf den anderen eine völlig andere Lebensweise erfahren muss.

    Deine Rezension habe ich auf jeden Fall sehr gerne gelesen. Sie war sehr aussagekräftig. Vielen Dank dafür <3

    Ganz liebe Grüße
    Tanja :o)

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    1. Hey Tanja,

      es freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat :)
      Es ist nicht so, dass Arki gar kein Verständnis für Betty zeigt. Er kritisiert eher die Art wie Betty damit umgeht. Wie sie in die Situation gelangt ist, nämlich den Zwang durch ihren Mann kritisiert er schon.

      Ich denke auch, dass Betty auf jeden Fall sehr mutig war. Ihre Flucht hätte sehr schnell schief gehen können.

      Liebe Grüße
      Julia

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  2. Danke für diesen wirklich spannenden Beitrag. Ich glaube, ich habe von "Nicht ohne meine Tochter" mal gehört, habe es aber nie gelesen oder den Film gesehen. Dementsprechend wusste ich natürlich auch nicht, dass es ein Buch gibt, das das Buch kommentiert.
    Ich finde auf jeden Fall die Idee, beides zu lesen, total sinnvoll, weil es scheint, als würde man so zwei sehr verschiedene Blicke auf dieselbe Sache bekommen. So kann man sich dann natürlich leichter selbst eine Meinung bilden, auch wenn man nicht jedem Autor in allen Punkten zustimmt.

    Deine Rezension fand ich jedenfalls sehr spannend und ich finde es auch gut, dass jemand das Buch kritisch betrachtet hat, auch wenn ich auch glaube, dass ich ihm nicht in allen Punkten zustimmen würde. Aber zB anzuführen, dass häusliche Gewalt auch in anderen Kulturen vorkommt, finde ich auch wichtig, da Gewalt gegen Frauen aktuell ja wieder als "Argument" gegen muslimische Geflüchtete verwendet wird, während man ignoriert, wieviele Frauen auch von ihren eigenen Partnern misshandelt werden.

    Wie auch immer, eine sehr spannende Besprechung der beiden Bücher!

    Liebe Grüße :)

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    1. Hallo Charlie,

      danke für deinen Kommentar :)
      Ich glaube, die Kritik ist auch gar nicht so bekannt, da sie von einem Kulturverein rausgegeben wurde. Ich weiß gar nicht, wie meine Mutter daran gekommen ist. Müsste ich sie eigentlich mal fragen.

      Ich finde das auch sehr spannend, weil man bei einer Biografie ja darauf vertrauen muss, dass es stimmt was einem da erzählt wird. Aber weil so etwas immer subjektiv ist, prägt das natürlich die Meinung oft in eine Richtung. Ich habe nach Betty Mahmoodys Buch zwar nicht alle Iraner für Hinterwäldler gehalten, aber man verallgemeinert schon was ihr Mann ihr angetan hat. Daher ist es gut durch Arki nochmal darauf aufmerksam zu werden, dass nicht jeder Iraner seine Frau einsperrt.

      Eben. Es ist totaler Blödsinn, dass nur Muslime ihre Frauen unterdrücken und verprügln. Das kommt überall vor, auch hier in Deutschland.

      Liebe Grüße
      Julia

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